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Stirb klug (Folge 10): Into the Wild – Essbares und Giftiges

Nahrung steht in der Rule of 3 weit hinten – und gerade deshalb lohnt kein riskantes Pflanzenexperiment. Was Into the Wild über Kalorien, Foraging und falsche Sicherheit lehrt.

Spoiler-Warnung: Into the Wild (2007) beruht auf einer wahren Geschichte; es folgen Details bis zum Ende.

Wir sind bei der letzten Stufe der Rule of 3: Nahrung.

Das klingt zunächst beruhigend. Ohne Essen hält ein Mensch deutlich länger durch als ohne Luft, Schutz oder Wasser.

Nur bedeutet „kommt zuletzt“ nicht „ist egal“.

Nach Tagen und Wochen ohne ausreichende Energie werden Kraft, Konzentration und Urteilsvermögen schlechter. Genau die Fähigkeiten also, die Du brauchst, um die anderen Survival-Probleme noch vernünftig zu lösen.

Into the Wild ist dafür ein besonders unangenehmes Beispiel.

Denn Chris McCandless stirbt nicht, weil er überhaupt nichts Essbares findet.

Er findet Pflanzen.

Er jagt.

Er erlegt sogar einen Elch.

Und verhungert trotzdem.

Die Lage

1992 zieht der 24-jährige Christopher McCandless allein in die Wildnis Alaskas. Er schlägt sein Lager in einem ausrangierten Bus auf und versucht, weitgehend von dem zu leben, was die Umgebung hergibt.

Er jagt kleine Tiere, sammelt Pflanzen und Beeren und schießt schließlich sogar einen Elch.

Was ihm fehlt, ist weniger der Wille als ein belastbares System.

Ein großer Teil des Elchfleisches verdirbt, weil ihm Erfahrung bei der Konservierung fehlt. Pflanzliche Nahrung liefert nicht genug Energie. Als er später die Wildnis wieder verlassen will, ist der Teklanika River durch die Schneeschmelze stark angeschwollen und für ihn nicht mehr auf demselben Weg passierbar wie bei seiner Ankunft.

Er kehrt zum Bus zurück.

Sein Zustand verschlechtert sich weiter.

Als seine Leiche Wochen später gefunden wird, wiegt sie nur noch etwa 30 Kilogramm. Die offizielle Todesursache lautet Verhungern.

Und dann wäre da noch die Sache mit den Samen.

Survival-Check

✗ Der eigentliche Fehler beginnt lange vor der letzten Mahlzeit

Die populärste Version der Geschichte konzentriert sich auf eine einzelne Frage:

Hat McCandless eine giftige Pflanze gegessen?

Das ist verständlich.

Ein falsch bestimmtes Gewächs ist eine klare Ursache. Dramatisch, leicht verständlich und mit einer schönen Survival-Moral versehen:

Falsche Pflanze → tot.

Die Realität ist weniger ordentlich.

McCandless war bereits stark abgemagert. Seine Ernährung reichte über längere Zeit nicht aus, und mehrere Probleme verstärkten sich gegenseitig.

Der größere Fehler war deshalb nicht zwingend ein einzelner Bissen.

Es war ein Plan mit sehr wenig Reserve.

✗ Nahrung finden ist nicht dasselbe wie genug Nahrung bekommen

Der Wald kann voller Essbarem sein und Dich trotzdem verhungern lassen.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht:

Kann ich das essen?

Sondern:

Wie viele verwertbare Kalorien bekomme ich dafür – und was kostet es mich, sie zu beschaffen?

Blätter, Kräuter und viele Beeren können eine Ernährung ergänzen.

Sie ersetzen aber nicht automatisch energiereiche Nahrung.

Du kannst den ganzen Tag sammeln und am Abend trotzdem weniger Energie aufgenommen haben, als Du für Suche, Verarbeitung und Bewegung verbraucht hast.

Foraging ist keine kostenlose Lebensmittelversorgung.

✗ Der Elch: viel Nahrung, wenig Nutzen

McCandless schafft etwas, woran viele Menschen in derselben Situation komplett scheitern würden:

Er erlegt einen Elch.

Damit müsste das Hungerproblem eigentlich erledigt sein.

Ist es aber nicht.

Ein großes Tier liefert eine enorme Menge leicht verderblicher Nahrung. Ohne Kühlung muss das Fleisch schnell zerlegt, verarbeitet, getrocknet, geräuchert oder anderweitig konserviert werden.

McCandless versucht es.

Und scheitert.

Fliegen und Maden befallen das Fleisch, und ein großer Teil geht verloren. In seinen Aufzeichnungen bezeichnet er das selbst als eine Katastrophe.

Das ist eine hervorragende Survival-Lektion:

Nahrung beschaffen und Nahrung haltbar machen sind zwei verschiedene Fähigkeiten.

Ein 300-Kilo-Tier hilft wenig, wenn Du nur einen Bruchteil davon essen kannst, bevor der Rest verdirbt.

✓ Er versucht immerhin, Wissen mitzunehmen

McCandless läuft nicht völlig ohne Informationen durch Alaska und steckt sich wahllos Pflanzen in den Mund.

Er besitzt unter anderem Tanaina Plantlore, ein ethnobotanisches Werk über die Pflanzennutzung der Dena'ina, und notiert in dessen freien Seiten Teile seines Tagebuchs.

Das ist besser als gar kein Wissen.

Aber ein Bestimmungsbuch macht aus einem Anfänger keinen erfahrenen Forager.

Besonders dann nicht, wenn:

  • die Pflanze gerade nicht blüht,
  • nur einzelne Pflanzenteile vorhanden sind,
  • ähnliche Arten am selben Ort wachsen,
  • Essbarkeit von Pflanzenteil oder Jahreszeit abhängt,
  • oder Du bereits geschwächt und hungrig bist.

Ein Buch ist ein Werkzeug.

Keine Garantie.

? Die Samen: Was hat McCandless wirklich gegessen?

Hier wird die Geschichte kompliziert.

McCandless sammelte Teile von Hedysarum alpinum, meist als Wild Potato oder Eskimo Potato bezeichnet. Die Wurzeln dieser Pflanze wurden traditionell als Nahrung genutzt.

Später begann er auch die Samen zu essen.

Am 30. Juli notierte er sinngemäß, dass er extrem schwach sei und die „potato seed“ dafür verantwortlich mache.

Was genau passiert ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert.

Frühe Theorien gingen davon aus, McCandless habe eine giftige verwandte Art verwechselt.

Später vermutete Jon Krakauer verschiedene Giftstoffe oder eine Kontamination der Samen.

2015 erschien schließlich eine Untersuchung in Wilderness & Environmental Medicine. Die Autoren konnten in den Samen von Hedysarum alpinum tatsächlich L-Canavanin nachweisen, eine nicht-proteinogene Aminosäure mit bekannten toxischen Wirkungen.

Die Autoren hielten es für sehr wahrscheinlich, dass der Verzehr der Samen zu McCandless' Verfall beigetragen hat.

Das ist deutlich mehr als reine Spekulation.

Es beweist aber nicht, dass die Samen allein seinen Tod verursacht haben.

Gesichert ist:

McCandless starb schwer ausgezehrt; die offizielle Todesursache war Verhungern.

Ob L-Canavanin seine Schwäche so verstärkte, dass er nicht mehr ausreichend jagen, sammeln oder die Gegend verlassen konnte, lässt sich Jahrzehnte später nicht mehr abschließend feststellen.

🎬 Der Film entscheidet sich für die einfache Version

Into the Wild muss diese wissenschaftliche Unsicherheit nicht lösen.

Der Film tut es trotzdem.

Dort bestimmt McCandless eine Pflanze falsch, isst giftiges Pflanzenmaterial, entdeckt anschließend im Buch seinen Fehler und wird krank.

Dramaturgisch funktioniert das hervorragend.

Historisch ist es zu eindeutig.

Gerade deshalb steckt darin eine zweite interessante Lektion:

Die Realität hat selten einen einzelnen Fehler, auf den man bequem zeigen kann.

Bei McCandless treffen mangelnde Reserven, Gewichtsverlust, begrenzte Erfahrung, erfolglose Nahrungskonservierung, Isolation und möglicherweise eine toxische Wirkung der Samen zusammen.

Das ist weniger elegant.

Aber für echtes Survival viel realistischer.

Nahrung kommt zuletzt – nicht zu spät

Die Rule of 3 ordnet unmittelbare Prioritäten:

Luft und lebensbedrohliche Verletzungen → Schutz → Wasser → Nahrung.

Das bedeutet nicht:

Um Essen kümmere ich mich erst nach drei Wochen.

Ein hungriger Mensch kann lange leben.

Ein hungriger Mensch kann aber schon deutlich früher schlechter arbeiten, langsamer denken und weniger Kraft haben.

Wenn Du weißt, dass eine Situation länger dauern wird, gehört die Nahrungsversorgung deshalb natürlich in den Plan.

Sie darf nur nicht die wichtigeren Probleme verdrängen.

Wer ohne Wasser drei Stunden lang Beeren sucht, hat die Rule of 3 nicht verstanden.

Die eigentliche Rechnung: Energie rein, Energie raus

Survival-Nahrung besitzt eine ziemlich unromantische Kennzahl:

Energiebilanz.

Angenommen, Du wanderst kilometerweit, kletterst einen Hang hinauf und verbringst zwei Stunden damit, eine Handvoll Pflanzen zu sammeln.

Dann hast Du Nahrung gefunden.

Ob Du damit energetisch irgendetwas gewonnen hast, ist eine andere Frage.

Deshalb sind besonders wertvoll:

  • Nahrung, die leicht erreichbar ist,
  • energiereiche Nahrung,
  • bekannte und sicher bestimmbare Nahrung,
  • Quellen, die wiederholt genutzt werden können,
  • Nahrung, deren Beschaffung wenig Energie kostet.

Und jetzt versteht man plötzlich, warum ein mitgebrachter Beutel Nüsse ziemlich unfair gegen stundenlanges Survival-Foraging spielt.

Die Natur ist kein Supermarkt

Wildpflanzen sind nicht grundsätzlich schlechte Nahrung.

Menschen nutzen sie seit Jahrtausenden.

Aber Menschen, die davon lebten, hatten normalerweise etwas, das der moderne Aussteiger nicht automatisch besitzt:

lokales Wissen.

Sie wussten:

  • welche Art dort wächst,
  • wann sie geerntet wird,
  • welcher Pflanzenteil genutzt wird,
  • wie er verarbeitet werden muss,
  • welche ähnlich aussehenden Arten gefährlich sind,
  • und wo genug davon wächst, damit sich die Ernte lohnt.

Das ist ein riesiger Unterschied zu:

Ich habe eine App und das Blatt sieht ähnlich aus.

„Essbare Pflanze“ ist zu einfach

Eine Pflanze ist nicht immer komplett essbar oder komplett giftig.

Je nach Art können sich unterscheiden:

  • Blätter,
  • Wurzeln,
  • Samen,
  • Früchte,
  • Blüten,
  • unreife und reife Pflanzenteile.

Dazu kommen Verarbeitung und Menge.

Manche Pflanzen werden erst durch Kochen bekömmlich.

Andere besitzen giftige Teile neben essbaren.

Wieder andere enthalten problematische Stoffe nur in bestimmten Entwicklungsstadien oder Konzentrationen.

Gerade McCandless' Geschichte passt deshalb hervorragend hierher:

Die Tatsache, dass ein bekannter Pflanzenteil traditionell gegessen wird, bedeutet nicht automatisch, dass jeder andere Teil derselben Pflanze ebenfalls eine gute Mahlzeit ist.

Sicher bestimmen heißt nicht „drei Merkmale“

Eine häufige Foraging-Regel lautet:

Bestimme eine Pflanze anhand von mindestens drei Merkmalen.

Das klingt schön objektiv.

Ist aber keine botanische Sicherheitsgarantie.

Drei falsche oder unspezifische Merkmale ergeben keine sichere Bestimmung.

„Grüne Blätter, weißer Stängel, wächst am Bach“ wäre schließlich ebenfalls drei.

Entscheidend ist, die diagnostischen Merkmale der konkreten Art zu kennen.

Je nach Pflanze können dazu gehören:

  • Wuchsform,
  • Blattstellung,
  • Form und Teilung der Blätter,
  • Stängel,
  • Behaarung,
  • Blüten,
  • Früchte oder Samen,
  • Geruch,
  • Wurzel oder Zwiebel,
  • Standort,
  • Jahreszeit.

Und genauso wichtig:

Welche giftigen Doppelgänger gibt es, und wodurch unterscheiden sie sich?

Wenn Du darauf keine sichere Antwort hast, ist die Bestimmung nicht abgeschlossen.

Doppelgänger sind das eigentliche Problem

Viele giftige Pflanzen sehen nicht aus wie etwas, das aus einem Fantasy-Roman gefallen ist.

Sie sehen aus wie Pflanzen.

Manchmal sogar wie essbare.

Ein klassisches europäisches Beispiel ist Bärlauch. Seine Blätter können mit Maiglöckchen oder Herbstzeitlosen verwechselt werden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt genau vor solchen Verwechslungen.

Bei anderen Pflanzenfamilien wird es nicht besser.

Wiesenkerbel kann beispielsweise mit dem hochgiftigen Gefleckten Schierling verwechselt werden.

Deshalb reicht auch ein einzelner „Trick“ selten aus.

„Wenn es nach Knoblauch riecht, ist es Bärlauch.“

Hilft.

Nur können Deine Finger nach dem ersten Blatt bereits nach Knoblauch riechen und den nächsten Geruchstest wertlos machen.

Gute Bestimmung benutzt das Gesamtbild.

Apps helfen – entscheiden sollten sie nicht allein

Pflanzenerkennungs-Apps sind beeindruckend.

Foto machen, kurz warten, Art vorgeschlagen bekommen.

Für Gartenarbeit: großartig.

Für die Frage, ob Du etwas in einer Notlage essen solltest:

nicht als alleinige Grundlage.

Eine App sieht möglicherweise:

  • nur ein Blatt,
  • keine Wurzel,
  • keine Blüte,
  • keinen Stängel,
  • keinen Standortkontext.

Und auch sehr gute Bilderkennung liefert Wahrscheinlichkeiten.

Keine toxikologische Garantie.

Ein Vorschlag der App kann Dir helfen, anschließend gezielt in einer verlässlichen Quelle nachzuschlagen.

Er ist kein „Essbar“-Button.

Pilze spielen noch einmal in einer anderen Liga

Pilze verdienen eine eigene Warnung.

Es gibt hervorragende Speisepilze.

Es gibt Arten, die ihnen ähnlich sehen.

Und es gibt Pilzgifte, bei denen die Symptome erst auftreten können, wenn bereits erheblicher Schaden entstanden ist.

Auch Kochen macht einen giftigen Pilz nicht automatisch essbar.

Regeln wie:

  • Tiere fressen ihn,
  • er schmeckt mild,
  • Silber läuft nicht an,
  • er lässt sich schälen,
  • er verfärbt sich nicht

sind keine zuverlässigen Essbarkeitstests.

Bei Pilzen gilt deshalb noch deutlicher:

Nur essen, wenn die Art sicher bestimmt ist.

Im Zweifel bleibt sie stehen.

Hunger ist unangenehm.

Leberversagen ebenfalls.

Der „Universal Edibility Test“ ist keine Sicherheitsgarantie

In älteren Survival-Handbüchern begegnet einem gelegentlich der sogenannte Universal Edibility Test.

Dabei wird eine unbekannte Pflanze schrittweise über Kontakt und sehr kleine Mengen ausprobiert.

Das klingt wissenschaftlicher, als es ist.

Das Grundproblem:

Nicht jedes Pflanzengift warnt Dich sofort.

Ein Stoff kann:

  • verzögert wirken,
  • erst ab einer bestimmten Dosis gefährlich werden,
  • bei wiederholtem Verzehr problematisch werden,
  • bestimmte Organe schädigen, ohne sofort Beschwerden auszulösen.

Ein Test, bei dem nach einer kleinen Menge zunächst nichts passiert, beweist deshalb keine Essbarkeit.

Für Pilze ist die Methode erst recht ungeeignet.

Ich würde daraus keine Survival-Technik machen, die man sich für später merkt.

Die bessere Regel lautet:

Unbekannt bleibt unbekannt.

Wenn Du wirklich am Verhungern bist, befindest Du Dich ohnehin in einer Lage, die sich nicht mit einem simplen Küchentest zuverlässig lösen lässt.

Pflanzenwissen lernt man vor dem Notfall

Die beste Zeit, eine essbare Pflanze kennenzulernen, ist nicht Tag 17 einer Hungersituation.

Es ist ein Sonntagmittag, an dem Du satt bist.

Lerne wenige Arten dafür richtig.

Nicht:

Ich kenne ungefähr 80 Pflanzen von Instagram.

Sondern:

Diese fünf erkenne ich in verschiedenen Wachstumsstadien und ich kenne ihre gefährlichen Doppelgänger.

Das ist viel wertvoller.

Dabei solltest Du auch wissen:

  • welcher Teil gegessen wird,
  • wann er gesammelt wird,
  • ob er gekocht werden muss,
  • wie er verarbeitet wird,
  • welche Arten ähnlich aussehen.

Wissen wiegt tatsächlich nichts.

Nur dauert es etwas länger, es einzupacken.

Nahrung mitbringen schlägt Nahrung erfinden

Survival-Romantik mag diesen Satz nicht besonders:

Die beste Notnahrung ist oft die, die Du vorher eingepackt hast.

Energiedichte, haltbare Lebensmittel sind planbar.

Wildpflanzen nicht.

Ein Notvorrat kann beispielsweise einen schlechten Jagdtag, Regen, Verletzung oder einfach eine falsche Einschätzung der Tour auffangen.

McCandless ging bewusst mit sehr wenig Ausrüstung und Nahrung in Alaska hinein.

Das gehörte zu seinem Ziel.

Aus Survival-Sicht war genau das ein erheblicher Nachteil.

Redundanz fühlt sich weniger frei an.

Sie lebt dafür länger.

Große Beute braucht große Logistik

Der Elch aus Into the Wild verdient noch eine eigene Regel.

Bei einem großen Tier endet die Arbeit nicht mit dem erfolgreichen Schuss.

Dann beginnt sie.

Das Fleisch muss:

  1. zerlegt,
  2. sauber gehalten,
  3. vor Insekten und anderen Tieren geschützt,
  4. gekühlt, getrocknet oder anderweitig konserviert werden.

Ohne diese Fähigkeiten kann aus einem riesigen Nahrungsvorrat innerhalb kurzer Zeit ein riesiges Hygieneproblem werden.

Die vernünftige Frage lautet deshalb nicht nur:

Kann ich dieses Tier erlegen?

Sondern:

Kann ich die Beute danach überhaupt sinnvoll nutzen?

Wer diese zweite Frage ignoriert, hat möglicherweise viel Energie investiert, um anschließend beim Verderben zuzusehen.

Essen, was Du kennst

Je größer der Hunger wird, desto verlockender werden Experimente.

Genau dann wird die Entscheidung gefährlicher.

Hunger bedeutet nicht, dass Giftpflanzen plötzlich weniger giftig sind.

Im Gegenteil: Ein geschwächter Körper hat weniger Reserven für zusätzliche Probleme wie:

  • Erbrechen,
  • Durchfall,
  • Krampfanfälle,
  • Kreislaufstörungen,
  • Leber- oder Nierenschäden.

Selbst eine nicht tödliche Vergiftung kann in der Wildnis reichen, um aus einer schlechten Lage eine aussichtslose zu machen.

Deshalb ist bekanntes, unspektakuläres Essen fast immer besser als eine exotische Kalorienquelle mit Fragezeichen.

Wenn Du möglicherweise etwas Giftiges gegessen hast

Dann wird nicht weiterprobiert, um sicherzugehen.

Pflanzenreste aus dem Mund entfernen.

Wenn möglich:

  • Pflanze oder Pflanzenteile aufbewahren,
  • Fotos von Pflanze und Standort machen,
  • merken oder notieren, welcher Teil gegessen wurde,
  • Menge und Zeitpunkt festhalten.

In Deutschland empfiehlt das BfR, bei Verdacht auf eine Pflanzenvergiftung möglichst schnell ein Giftinformationszentrum oder medizinische Hilfe zu kontaktieren.

Kein Erbrechen auslösen.

Bei schweren Symptomen wie Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen, Atemproblemen oder Kreislaufproblemen gilt natürlich:

112.

Der Name der Pflanze ist dann hilfreicher als:

Irgendwas Grünes mit Blättern.

Was McCandless wirklich fehlt

Es wäre einfach, Chris McCandless als Idioten darzustellen, der ohne Ahnung in den Wald läuft.

Das trifft die Geschichte genauso schlecht wie die romantische Version vom Naturmenschen, der nur Pech hatte.

Er konnte durchaus jagen.

Er konnte Pflanzen nutzen.

Er hielt mehrere Monate allein in Alaska durch.

Gleichzeitig fehlten ihm an entscheidenden Stellen Erfahrung, Reserven und Redundanz.

Der Elch zeigt fehlendes Wissen über Konservierung.

Die Pflanzenfrage zeigt die Grenze von Bestimmungswissen.

Der angeschwollene Fluss zeigt, dass eine Route auf dem Hinweg nicht automatisch auch der Rückweg ist.

Und sein dramatischer Gewichtsverlust zeigt am Ende sehr nüchtern:

Die Energiebilanz hat nicht funktioniert.

Survival scheitert selten daran, dass jemand überhaupt nichts kann.

Oft scheitert es daran, dass ein einziges System zu wenig Reserve hat.

Dein Loadout

  • Nahrung steht in der Rule of 3 weit hinten, wird bei längerem Survival aber selbstverständlich wichtig.
  • Entscheidend ist nicht nur, ob etwas essbar ist, sondern ob seine Beschaffung energetisch sinnvoll ist.
  • Wildpflanzen können Nahrung liefern, sind aber kein kostenloser Supermarkt.
  • Positive Bestimmung statt Drei-Merkmale-Regel: Kenne die diagnostischen Merkmale der Art und ihre giftigen Doppelgänger.
  • „Essbar“ kann von Pflanzenteil, Reifegrad und Zubereitung abhängen.
  • Apps und Bücher sind Hilfsmittel, aber kein Ersatz für sichere Artenkenntnis.
  • Pilze nur sicher bestimmt essen. Geschmack, Tierfraß oder Hausmittel beweisen keine Essbarkeit.
  • Der Universal Edibility Test kann unbekannte Nahrung nicht zuverlässig als sicher bestätigen.
  • Lerne wenige häufige Arten Deiner Region gründlich, bevor Du sie im Notfall brauchst.
  • Große Beute löst Hunger nur, wenn Du sie verarbeiten und konservieren kannst.
  • Vorräte und Reserve sind weniger romantisch als Foraging – und deutlich verlässlicher.
  • Bei Verdacht auf Pflanzenvergiftung: Reste aufbewahren, Art möglichst dokumentieren, Giftinformationszentrum kontaktieren und kein Erbrechen auslösen.

🎬 Hollywood-Bullshit-Meter: 4/10

Into the Wild hat einen Vorteil gegenüber fast allen Filmen dieser Reihe:

Die Konsequenzen sind real.

Chris McCandless existierte. Er lebte monatelang in dem Bus. Er verlor massiv an Gewicht und starb dort 1992.

Der Film muss also keine Superkräfte erfinden, damit seine Hauptfigur das Finale erreicht.

Dafür macht er die Ursache seines Todes sauberer, als sie historisch ist.

Im Film führt eine Pflanzenverwechslung zur Vergiftung.

In der Realität lautet die offizielle Todesursache Verhungern. Dass die von ihm gegessenen Samen von Hedysarum alpinum L-Canavanin enthalten und seinen Verfall beschleunigt haben könnten, ist inzwischen wissenschaftlich plausibel.

Bewiesen ist diese Kausalkette nicht.

Das macht die reale Geschichte eigentlich interessanter.

McCandless stirbt nicht an einer einzigen spektakulären Survival-Sünde.

Er gerät in ein System mit immer weniger Reserven:

zu wenig Energie, misslungene Konservierung, zunehmende Schwäche, ein unpassierbarer Rückweg und möglicherweise zusätzlich toxische Samen.

Der Film romantisiert seine Reise und gibt ihrem Ende eine eindeutigere Erklärung.

Aber die wichtigste Lektion trifft er ziemlich gut:

Die Natur kümmert sich nicht darum, wie überzeugt Du von Deinem Plan bist.

4/10.

Nicht die Pflanze allein ist die Warnung.

Die fehlende Reserve ist es.


Disclaimer: Diese Reihe verbindet Unterhaltung mit Grundlagenwissen und ersetzt kein Survival- oder Foraging-Training. Wilde Pflanzen und Pilze nur essen, wenn sie sicher bestimmt sind und Du auch mögliche giftige Doppelgänger kennst. Bei Verdacht auf eine Pflanzenvergiftung ein Giftinformationszentrum kontaktieren; bei schweren Symptomen gilt in der EU 112.

Nächste Folge: Vom Fehler zur Vorsorge. 127 Hours zeigt, was passiert, wenn niemand weiß, wo Du bist – und warum ein simpler Satz vor der Tour Leben retten kann.

Quellen

  • Krakauer, Long, Kolbert, Thanedar & Southard (2015): Presence of L-Canavanine in Hedysarum alpinum Seeds and Its Potential Role in the Death of Chris McCandless. Wilderness & Environmental Medicine 26(1), 36–42. DOI: 10.1016/j.wem.2014.08.014
  • C&EN – Chemists Dispute How McCandless Died
  • Jon Krakauer – Into the Wild
  • Bundesinstitut für Risikobewertung – Giftpflanzen – Wie kann man sich schützen, und was ist bei einer Vergiftung zu tun?
  • U.S. Forest Service – Hinweise zur sicheren Bestimmung und Sammlung von Wildpflanzen und Pilzen
  • Pennsylvania State University Extension – Informationen zu Giftpflanzen und giftigen Doppelgängern

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