Zum Inhalt springen

cat posts/stirb-klug-11-127-hours-vorbereitung.md

Stirb klug (Folge 11): 127 Hours – Vorbereitung und Selbstrettung

Der wichtigste Survival-Trick passiert vor der Tour: jemandem Route und Rückkehrzeit hinterlassen. Was 127 Hours über Trip Plans, Ressourcen und die Grenze zwischen Rettung und Selbstrettung lehrt.

Stirb klug (Folge 11): 127 Hours – Vorbereitung und Selbstrettung

Spoiler-Warnung: 127 Hours (2010) beruht auf einer wahren Geschichte; es folgen Details bis zum drastischen Ende.

In den letzten zehn Folgen haben wir Feuer gemacht, Wasser aufbereitet, Kälte ausgehalten und Pflanzen misstraut.

Diesmal beginnt die wichtigste Survival-Maßnahme, bevor überhaupt etwas passiert.

Aron Ralston war erfahren, fit und kannte sich im Gelände aus. Trotzdem geriet er 2003 in eine Situation, aus der ihn weder Erfahrung noch Ausrüstung einfach herausholen konnten.

Sein größter Fehler war erstaunlich unspektakulär:

Niemand wusste genau, wohin er gegangen war.

127 Hours ist deshalb weniger eine Geschichte darüber, wie man sich aus einer Katastrophe befreit.

Es ist eine Geschichte darüber, wie viel einfacher Rettung wäre, wenn vorher jemand wüsste, wo er anfangen soll zu suchen.

Die Lage

Am 26. April 2003 ist der damals 27-jährige Aron Ralston allein im Bluejohn Canyon im Südosten Utahs unterwegs.

Beim Abstieg durch den engen Slot Canyon löst sich ein großer Felsblock. Ralston stürzt mit ihm nach unten, und der Fels klemmt seine rechte Hand gegen die Canyonwand.

Er kann sie nicht herausziehen.

Er kann den Fels nicht bewegen.

Ein Handy hätte ihm dort ohnehin nicht geholfen: kein Empfang.

Ralston versucht über Tage, den Fels zu verschieben, abzutragen und andere Wege aus seiner Lage zu finden. Sein Wasser wird knapp. Er zeichnet Abschiedsbotschaften für seine Familie auf und beginnt damit zu rechnen, im Canyon zu sterben.

Nach rund 127 Stunden gelingt ihm schließlich eine extreme Selbstrettung: Er amputiert einen Teil seines rechten Arms, befreit sich und verlässt den Canyon.

Damit ist die Geschichte allerdings noch nicht vorbei.

Er muss anschließend noch abseilen und mehrere Kilometer durch die Wüste zurücklegen, bevor er anderen Menschen begegnet und schließlich gerettet wird.

Der spektakulärste Teil der Geschichte ist die Amputation.

Die wichtigste Survival-Lektion liegt fünf Tage vorher.

Survival-Check

✗ Kein Trip Plan

Ralston war nicht einfach irgendein ahnungsloser Tourist.

Er hatte viel Erfahrung im Bergsteigen und war regelmäßig allein unterwegs.

Genau das macht den Fehler interessanter.

Vor seinem Ausflug hinterließ er niemandem einen genauen Plan mit Route und Rückkehrzeit.

Als er später nicht zur Arbeit erscheint, wird durchaus nach ihm gesucht. Familie, Freunde und Behörden versuchen herauszufinden, wo er sein könnte.

Nur fehlt die wichtigste Information:

Wo genau anfangen?

Zwischen

Aron ist irgendwo in Utah unterwegs.

und

Aron ist heute im Bluejohn Canyon, startet hier, plant diese Route und meldet sich spätestens um 20 Uhr zurück.

liegt für Search and Rescue ein gewaltiger Unterschied.

Ein Trip Plan verhindert keinen Unfall.

Er verhindert aber, dass aus einer vermissten Person zusätzlich ein Geografie-Rätsel wird.

✓ Er bleibt handlungsfähig

Ralston probiert nicht fünf Tage lang stumpf dieselbe Sache.

Er untersucht seine Lage.

Er experimentiert mit seinem Seilsystem.

Er versucht den Fels zu bewegen.

Er bearbeitet ihn mit seinem Multitool.

Er organisiert seine knappen Ressourcen.

Und er dokumentiert seine Situation.

Nicht jede Idee funktioniert.

Entscheidend ist, dass er weiter versucht, das Problem in kleinere Probleme zu zerlegen.

Das kennen wir aus dem STOP-Prinzip aus Folge 1:

Stop. Think. Observe. Plan.

Panik hätte den Fels nicht leichter gemacht.

✓ Wasser nicht verschwenden

Ralston besitzt nur einen begrenzten Wasservorrat und keine erreichbare Nachschubquelle.

Natürlich geht er damit vorsichtig um.

Daraus sollte man allerdings nicht die allgemeine Regel ableiten:

Im Notfall möglichst wenig trinken.

Moderne Survival-Empfehlungen formulieren es sinnvoller:

Rationiere Deinen Schweiß, nicht Dein Wasser.

Dehydration verschlechtert körperliche Leistung, Konzentration und Urteilsvermögen. Wasser hilft Dir mehr im Körper als als symbolische Reserve in der Flasche.

In Ralstons spezieller Situation bedeutet Ressourcenmanagement deshalb vor allem:

  • unnötige Anstrengung vermeiden,
  • direkte Wärmebelastung soweit möglich reduzieren,
  • Wasser nicht verschütten,
  • den vorhandenen Vorrat sinnvoll nutzen.

Das ist etwas anderes als absichtliches Austrocknen.

✗ Urin ist keine neue Wasserquelle

Als sein Trinkwasser aufgebraucht ist, trinkt Ralston schließlich seinen eigenen Urin.

Verständlich.

Aber kein guter Hydrationsplan.

Urin besteht zwar überwiegend aus Wasser, enthält aber Salze und Stoffwechselprodukte, die der Körper gerade ausscheiden wollte. Mit zunehmender Dehydration konzentriert die Niere den Urin stärker.

Du erzeugst dadurch also keinen geschlossenen Wasserkreislauf.

Mehr dazu gab es bereits bei Life of Pi.

Einmal Urin zu trinken ist nicht automatisch tödlich.

Als wiederholte Strategie gegen Dehydration taugt es trotzdem nicht.

✓ Selbstrettung, als die anderen Optionen praktisch verschwinden

Der berühmteste Teil von Ralstons Geschichte lässt sich nur schwer in ein Survival-Häkchen pressen.

Seine Selbstamputation war keine clevere Technik.

Sie war die Konsequenz einer außergewöhnlichen Zwangslage.

Ralston war seit Tagen festgeklemmt, schwer dehydriert und hatte praktisch keine Aussicht, sich auf anderem Weg zu befreien. Er ging davon aus, dass er sterben würde, wenn er dort blieb.

Unter diesen Umständen entschied er sich für eine Handlung, deren unmittelbares Risiko ebenfalls enorm war.

Dass sie funktionierte, macht daraus keine Technik zum Nachmachen.

Die nützliche Lektion lautet vielmehr:

Selbstrettung und Warten auf Rettung sind Entscheidungen, keine Glaubensrichtungen.

Welche davon richtig ist, hängt davon ab, ob Hilfe unterwegs sein kann, ob Dein Standort bekannt ist, wie gefährlich das Bleiben ist und wie riskant eine Eigenrettung wäre.

Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand wiegt nichts

Bevor Du allein oder mit einer kleinen Gruppe in abgelegenes Gelände gehst, hinterlässt Du einen Trip Plan.

Das klingt offizieller, als es sein muss.

Eine Nachricht reicht, wenn die richtigen Informationen darin stehen.

Zum Beispiel:

Ich starte Samstag um 8 Uhr am Trailhead X, gehe Route Y bis Z und denselben Weg zurück. Mein Auto steht auf Parkplatz X. Spätestens um 20 Uhr melde ich mich. Falls Du bis 22 Uhr nichts von mir gehört hast und mich nicht erreichst, verständige die zuständigen Rettungskräfte und gib ihnen diese Nachricht weiter.

Das kostet vielleicht zwei Minuten.

Eine Suchmannschaft kann damit Stunden oder Tage sparen.

Was in einen Trip Plan gehört

Je abgelegener die Tour, desto genauer sollte er sein.

Sinnvoll sind:

  • Startpunkt und Trailhead,
  • geplante Route,
  • Ziel beziehungsweise Wendepunkt,
  • geplante Alternativroute, falls vorhanden,
  • Startzeit,
  • erwartete Rückkehr,
  • eine klare späteste Check-in-Zeit,
  • Namen und Anzahl der Teilnehmer,
  • Fahrzeug und Standort des Fahrzeugs,
  • wichtige Ausrüstung beziehungsweise Kommunikationsmittel,
  • relevante Besonderheiten der Tour.

Der wichtigste Teil steht allerdings am Ende:

Was soll die Vertrauensperson tun, wenn Du Dich nicht meldest?

„Mach Dir Sorgen“ reicht nicht.

Besser:

Wenn ich mich bis X Uhr nicht gemeldet habe und Du mich nicht erreichst, alarmiere die zuständige Stelle und gib meinen Trip Plan weiter.

Sonst besitzt jemand zwar Deine Route, wartet aber bis zum nächsten Morgen, weil Du bestimmt nur noch irgendwo ein Bier trinken bist.

Der Trip Plan gehört zu einer Person

Ein Zettel im Auto kann zusätzliche Informationen liefern.

Er ersetzt aber keinen Menschen, der bemerkt, dass Du überfällig bist.

Das Auto ruft niemanden an.

Der beste Trip Plan liegt deshalb bei einer Vertrauensperson, die nicht mit auf Tour ist.

Und wenn Du zurückkommst:

melden.

Sonst startet die hervorragend vorbereitete Rettungssuche genau in dem Moment, in dem Du unter der Dusche stehst.

Allein unterwegs verändert die Rechnung

Solo-Touren sind nicht automatisch verantwortungslos.

Aber sie verändern die Konsequenzen eines Fehlers.

In einer Gruppe kann jemand:

  • Erste Hilfe leisten,
  • Hilfe holen,
  • zusätzliche Ausrüstung tragen,
  • bei Entscheidungen gegenhalten,
  • oder schlicht bemerken, dass mit Dir etwas nicht stimmt.

Allein gibt es diese Redundanz nicht.

Aus einem verstauchten Knöchel kann statt einer lästigen Verletzung ein Mobilitätsproblem werden.

Ein kleiner Navigationsfehler bleibt unbemerkt.

Und ein Felsblock muss nur eine Hand einklemmen, damit praktisch sämtliche Selbstrettung schwieriger wird.

Deshalb sollte solo eher bedeuten:

mehr Planung und konservativere Entscheidungen.

Nicht:

Ich brauche niemanden.

Erfahrung schützt vor Fehlern – aber nicht vor Pech

Ralston war kein Anfänger.

Das ist eine der wichtigsten Eigenschaften dieser Geschichte.

Erfahrung senkt Risiken.

Sie beseitigt sie nicht.

Ein erfahrener Mensch kann ausrutschen.

Ein erfahrener Mensch kann von Steinschlag getroffen werden.

Ein erfahrener Mensch kann krank werden.

Und ein erfahrener Mensch kann sich dafür entscheiden, niemandem seine Route zu hinterlassen.

Manche Fehler entstehen sogar gerade deshalb, weil etwas hundertmal gut gegangen ist.

Aus:

Ich habe das schon oft gemacht.

wird schnell:

Also wird heute auch nichts passieren.

Die Natur unterschreibt diesen Vertrag nicht.

Vor der Tour: Was kann hier schiefgehen?

Eine brauchbare Vorbereitung beginnt nicht mit der Frage:

Was möchte ich heute machen?

Sondern zusätzlich mit:

Was passiert, wenn etwas nicht nach Plan läuft?

Bei einer abgelegenen Canyoning-Tour könnten das sein:

  • Verletzung,
  • Orientierung verlieren,
  • Steinschlag,
  • blockierte Route,
  • plötzliches Unwetter,
  • Flash Flood,
  • Ausfall der Kommunikation,
  • längere Tourdauer als geplant.

Daraus ergibt sich die Ausrüstung.

Nicht andersherum.

Die Ten Essentials

Der National Park Service empfiehlt für Touren das Konzept der Ten Essentials.

Die genaue Ausrüstung hängt natürlich vom Gelände ab, aber die Kategorien sind ziemlich vernünftig:

  • Navigation,
  • Sonnenschutz,
  • zusätzliche Kleidung beziehungsweise Isolation,
  • Licht,
  • Erste Hilfe,
  • Feuer beziehungsweise geeignete Zündmöglichkeit,
  • Reparaturwerkzeug,
  • Nahrung,
  • Wasser beziehungsweise Wasseraufbereitung,
  • Notunterkunft.

Für eine technische Tour kommen die dafür nötigen Spezialausrüstungen natürlich noch dazu.

Der Punkt ist nicht, exakt zehn Gegenstände in den Rucksack zu werfen.

Der Punkt ist:

Was brauche ich, wenn aus einer Tagestour plötzlich eine Nacht draußen wird?

Ralstons geplanter kurzer Ausflug wurde zu fünf Tagen.

Genau für diesen Unterschied packst Du.

Kommunikation: Handy ist gut, aber kein Plan

Ein Mobiltelefon gehört heute selbstverständlich mit.

Nur sollte die gesamte Rettungsstrategie nicht lauten:

Zur Not rufe ich halt an.

In abgelegenen Canyons kann es keinen Mobilfunkempfang geben.

Ein Telefon kann außerdem:

  • leer sein,
  • kaputtgehen,
  • nass werden,
  • verloren gehen.

Offline-Karten und ein geladenes Telefon sind wertvoll.

Sie ersetzen aber weder Navigation noch einen Trip Plan.

Für sehr abgelegene Touren kann zusätzliche Satellitenkommunikation sinnvoll sein.

Satelliten-Messenger und PLB sind nicht dasselbe

Hier lohnt sich etwas Begriffsklärung.

Satelliten-Messenger

Satelliten-Messenger können je nach Gerät beispielsweise:

  • Nachrichten versenden,
  • Positionsupdates übertragen,
  • Tracking ermöglichen,
  • einen SOS-Ruf auslösen,
  • teilweise eine Zwei-Wege-Kommunikation mit einer Notrufzentrale ermöglichen.

Sie benötigen typischerweise einen kommerziellen Dienst beziehungsweise Tarif und einen geladenen Akku.

Der große Vorteil:

Du kannst im Idealfall nicht nur sagen „Notfall“, sondern auch erklären, was passiert ist.

PLB

Ein klassischer Personal Locator Beacon arbeitet anders.

406-MHz-PLBs senden nach Aktivierung ein spezielles Notsignal über das Cospas-Sarsat-System an Search and Rescue.

Sie sind auf diese eine Aufgabe spezialisiert.

Kein Chat.

Kein Wetterbericht.

Kein Urlaubs-Tracking.

Notfall. Rettung alarmieren.

Bei entsprechend ausgestatteten Geräten kann auch eine GNSS-Position im Signal übertragen werden.

Das ist technisch extrem robust – aber nicht überall organisatorisch gleich eingebunden.

Für Deutschland wichtig

Ein 406-MHz-PLB ist für deutsche Leser derzeit keine universelle Empfehlung.

Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass PLBs in Deutschland nicht registriert werden können und PLB-Alarmierungen in der bestehenden deutschen Rettungskette nicht vorgesehen sind.

Stand: September 2026.

Wer hierzulande Satellitenkommunikation für Outdoor-Notfälle möchte, sollte deshalb nicht einfach irgendein amerikanisches PLB kaufen, sondern vorher prüfen, welches Gerät, welcher Dienst und welche SOS-Infrastruktur für Einsatzgebiet und Heimatland tatsächlich vorgesehen sind.

Auf Reisen gelten wiederum die Regeln des jeweiligen Landes beziehungsweise des verwendeten Systems.

Ein Notfallsender hilft nur, wenn seine Rettungskette auch funktioniert.

Ein Sender ersetzt den Trip Plan trotzdem nicht

Das Gerät kann kaputtgehen.

Der Akku kann leer sein.

Du kannst es verlieren.

Oder der Unfall verhindert, dass Du es überhaupt erreichst und aktivierst.

Deshalb ist die beste Lösung nicht:

Trip Plan oder Technik.

Sondern:

Trip Plan plus passende Technik.

Redundanz ist in dieser Serie inzwischen ein ziemlich wiederkehrendes Thema.

Aus gutem Grund.

Das Gerät gehört an den Menschen

Ein Satelliten-Messenger im Rucksack hilft wenig, wenn Dein Rucksack 20 Meter weiter unten liegt.

Dasselbe gilt für:

  • Pfeife,
  • Licht,
  • Telefon,
  • Notfallsender.

Was im Notfall unmittelbar gebraucht werden könnte, sollte möglichst erreichbar sein.

Gerade bei Solo-Touren ist das ein Detail mit überraschend großem Unterschied.

Wenn Du nur noch eine Hand bewegen kannst, sieht „gut verstaut“ plötzlich anders aus.

Ressourcenmanagement: verschwende nicht, aber funktioniere weiter

Ralstons Situation ist extrem:

Kein erreichbares Wasser.

Keine realistische Möglichkeit, einfach zum nächsten Bach zu gehen.

Unklar, ob und wann Hilfe kommt.

In so einer Lage werden Ressourcen geplant.

Aber Planung bedeutet nicht, sich möglichst früh möglichst schlecht zu versorgen.

Wasser, Nahrung, Licht und Akkukapazität werden danach eingesetzt, was sie Dir bringen.

Bei Wasser gilt besonders:

Dehydriert zu sein macht Dich nicht sparsamer. Es macht Dich schlechter.

Du willst deshalb vor allem Verluste reduzieren:

  • unnötige körperliche Arbeit vermeiden,
  • Schatten nutzen,
  • kühlere Tageszeiten ausnutzen,
  • unnötiges Schwitzen verhindern.

Dass Ralston seinen kleinen Vorrat über Tage streckte, ist nachvollziehbar.

Die allgemeinere Survival-Lektion lautet trotzdem nicht:

weniger trinken.

Sondern:

mit der vorhandenen Ressource so umgehen, dass Du möglichst lange handlungsfähig bleibst.

Warten oder selbst retten?

Eine der schwierigsten Entscheidungen in einem Notfall lautet:

Bleibe ich hier oder versuche ich, selbst herauszukommen?

Darauf gibt es keine universelle Antwort.

Warten wird attraktiver, wenn ...

  • jemand Deinen Trip Plan kennt,
  • Dein Standort ungefähr bekannt ist,
  • eine Suche wahrscheinlich ist,
  • Du Schutz, Wasser und Zeit hast,
  • eine Selbstrettung ein hohes Verletzungsrisiko hätte.

Wer einen bekannten Standort verlässt, kann eine laufende Suche sogar erschweren.

Selbstrettung wird attraktiver, wenn ...

  • der aktuelle Ort unmittelbar gefährlich ist,
  • niemand weiß, wo Du bist,
  • Hilfe sehr unwahrscheinlich ist,
  • Ressourcen vor Ort nicht reichen,
  • Du eine realistische und vertretbare Route in Sicherheit kennst.

Das Wort realistisch ist dabei wichtig.

„Ich laufe einfach irgendwohin“ ist keine Selbstrettungsstrategie.

Es ist Ortswechsel.

Ralstons Entscheidung war kein Survival-Tutorial

Die Amputation dominiert jede Erzählung über 127 Hours.

Verständlicherweise.

Aber sie eignet sich schlecht als praktische Lektion.

Ralston befand sich in einer extrem seltenen mechanischen Zwangslage, hatte nach Tagen praktisch keine andere Überlebensoption mehr und traf eine Entscheidung mit enormem Blutungs-, Infektions- und Kreislaufrisiko.

Danach musste er immer noch aus dem Canyon heraus.

Daraus folgt kein sinnvoller Abschnitt:

So amputierst Du im Notfall einen Arm.

Die wichtigere Lektion steht bereits am Anfang der Geschichte:

Sorge dafür, dass extreme Selbstrettung möglichst nie Deine einzige verbleibende Option wird.

Ein Messer ist ein Werkzeug, kein Rettungsplan

Im ursprünglichen Mythos um Ralston bleibt schnell hängen:

Ein gutes Messer hätte alles einfacher gemacht.

Ein besseres Werkzeug hätte Teile seiner konkreten Situation möglicherweise verändert.

Nur ist das eine erstaunlich schlechte allgemeine Survival-Lektion.

Messer sind nützlich.

Sie können schneiden, reparieren, Material bearbeiten und bei vielen Aufgaben helfen.

Aber das wichtigste Werkzeug für Ralstons Unfall wäre kein größeres Messer gewesen.

Es wäre eine Nachricht mit seiner Route gewesen.

Und heute möglicherweise zusätzlich ein funktionierendes Satelliten-Kommunikationsmittel.

Ausrüstung ist wichtig.

Information ist manchmal wichtiger.

Was 127 Hours verändert

Der Film hält sich erstaunlich eng an den Kern der realen Geschichte.

Ralston selbst beschrieb ihn später sinngemäß als so faktisch genau, wie ein Drama einem Dokumentarfilm kommen könne.

Ein Dokumentarfilm ist er trotzdem nicht.

Begegnungen und Dialoge wurden verändert, Erinnerungsszenen erweitert und manche Details für die Dramaturgie angepasst.

Das ist hier aber fast nebensächlich.

Der Fels war real.

Ralston war allein.

Seine Hand war eingeklemmt.

Niemand kannte seinen genauen Plan.

Und die Selbstrettung geschah tatsächlich.

Hollywood musste die Ausgangslage kaum verschärfen.

Dein Loadout

  • Hinterlasse vor abgelegenen Touren einen Trip Plan bei einer Person, die nicht mitkommt.
  • Der Plan enthält mindestens Route, Startpunkt, Rückkehrzeit und klare Anweisung, wann Hilfe alarmiert werden soll.
  • Melde Dich nach der Tour zurück, damit keine unnötige Suche beginnt.
  • Ein Zettel im Auto ist Ergänzung, kein Ersatz für einen Trusted Contact.
  • Solo-Touren verlangen mehr Redundanz und konservativere Entscheidungen.
  • Plane nicht nur die Tour, sondern auch den Fall, dass sie länger dauert als geplant.
  • Handy mitnehmen – aber nicht davon ausgehen, dass es überall Empfang gibt.
  • Satelliten-Messenger können je nach System SOS und Zwei-Wege-Kommunikation ermöglichen.
  • 406-MHz-PLBs sind nicht in jedem Land gleich eingebunden. In Deutschland ist derzeit keine PLB-Registrierung möglich.
  • Notfallkommunikation gehört möglichst erreichbar an den Körper, nicht tief in den Rucksack.
  • Bei Wasser gilt: Schweiß sparen statt absichtlich dehydrieren.
  • Urin ist keine nachhaltige Trinkwasserquelle.
  • Ob Warten oder Selbstrettung sinnvoller ist, hängt von Standort, Gefahren, Ressourcen und der Wahrscheinlichkeit einer laufenden Suche ab.
  • Ralstons Amputation war eine außergewöhnliche letzte Entscheidung – keine Survival-Technik.
  • Das beste Werkzeug dieser Folge ist kein Messer.

Es ist der Satz:

„Ich bin dort unterwegs und wenn ich bis dann nicht zurück bin, hol Hilfe.“

🎬 Hollywood-Bullshit-Meter: 2/10

127 Hours braucht erstaunlich wenig Hollywood.

Der Unfall ist real.

Die 127 Stunden sind real.

Die gescheiterten Befreiungsversuche sind real.

Die extreme Selbstrettung ist real.

Der Film verdichtet und verändert einzelne Begegnungen, Erinnerungen und Halluzinationen, bleibt beim eigentlichen Überlebenskampf aber ungewöhnlich nah an Ralstons Bericht.

Der größte Fehler ist deshalb nicht vom Drehbuchautor erfunden worden.

Ralston hat ihn selbst gemacht:

Er ging allein in abgelegenes Gelände, ohne jemandem seine genaue Route zu hinterlassen.

Das macht ihn nicht unerfahren.

Es macht ihn menschlich.

Und genau deshalb ist die Lektion so brauchbar.

Du musst kein Survival-Profi werden, um diesen Fehler zu vermeiden.

Du musst vor dem Losgehen nur eine Nachricht schicken.

2/10.

Der Fels war Pech.

Dass niemand wusste, wo er lag, war vermeidbar.


Disclaimer: Diese Reihe verbindet Unterhaltung mit Grundlagenwissen und ersetzt kein Survival-, Erste-Hilfe- oder Bergsporttraining. In einer realen Notlage haben Notruf, Rettungsdienst und sichere Rettungsmaßnahmen Vorrang vor spektakulärer Selbstrettung. Technische Touren gehören nur mit passender Ausbildung und Ausrüstung angegangen.

Nächste Folge: Wie sorgst Du dafür, dass eine Rettung Dich tatsächlich findet? Lost bringt uns zum Signalisieren – von Bodenzeichen und Spiegelblitzen bis zu modernen Notsendern.

Quellen

0 Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der/die Erste!